Auszeit gefällig? – Stille und Entspannung suchen und finden

Höllischer Lärm reißt mich um sieben Uhr morgens aus dem Bett. Berlin ist erwacht. Eine Kehrmaschine säubert die Straße, während ein Typ mit Presslufthammer direkt vor meiner Haustür den Gehsteig malträtiert. Hupende Autos, lärmende Kinder, die zur Schule gehen. Polizeisirenen in der Ferne. Die Stadt hat nur ein paar Stunden geschlafen, genau wie ich.

Auf dem Weg zur Arbeit bin ich permanent dem Bombardement der Werbeindustrie ausgesetzt. Jeder will etwas von mir, aber ich nichts von ihnen. Gibt es denn keinen Ort, an dem ich endlich Ruhe finden kann?

Gefängnis der Glückseligkeit

Ich laufe die Invalidenstraße entlang. Auf meiner Flucht vor Hektik und Lärm entdecke ich ein kleines, unscheinbares Tor, das nirgendwohin zu führen scheint. Ich gehe hindurch und lande in einer komplett anderen Welt. Die Sonne steht schon tief, die Szenerie wirkt ein wenig unheimlich. Skurrile Monumente aus Beton ragen in die Höhe und unterbrechen an vielen Stellen den sauber gemähten Rasen.

Nach einer Weile entdecke ich ein Schild. Es erklärt mir, dass ich im Geschichtspark gelandet bin und mitten in einer abstrakten Nachbildung des alten Moabiter Zellgefängnisses stehe. Ich betrachte die Betongebilde, fühle mich plötzlich in eine andere Zeit versetzt und gleichzeitig durch hohe Mauern, die Stress und Hektik fernhalten, geschützt. Ein seltsam abstraktes Glücksgefühl durchströmt mich. Ich freue mich diesen Ort für mich alleine zu haben, gleichzeitig finde ich es ungewohnt, aufregend und sogar ein bisschen gruselig.

Der Reiz des Vergänglichen

Ich beschließe das Experiment zu wiederholen und weitere unentdeckte Orte in meiner Stadt aufzuspüren. Dabei lande ich im Nordhafen, einer verlassenen Gegend an der Grenze zwischen Moabit, Stadtmitte und Wedding. Eine Rasenfläche mit Bänken, die zum Verweilen einladen. Dahinter die in der Abendsonne glitzernde Oberfläche des Hafenbeckens.

Hier und da entdecke ich alte, rostige Elemente im satten Grün. Überreste von Hafenkränen, die dem unerbittlichen Zahn der Zeit ausgesetzt sind und vielleicht bald im Nichts verschwinden werden. Auf der gegenüberliegenden Uferseite steht ein verfallenes Fabrikgebäude. Wie mag es hier ausgesehen haben, als der Nordhafen noch in Betrieb war? Als hunderte Arbeiter hier große Kisten und Container mit den Kränen auf Schiffe beförderten?

Im Friedhofscafé

Einen weiteren Ort, der mich vor allem an meine eigene Vergänglichkeit erinnert, entdecke ich in Kreuzberg. Ausgerechnet in der hektischen, mit Touristen überfluteten Bergmannstraße stoße ich zufällig auf das Café Strauss. Das kleine Lokal befindet sich in der ehemaligen Leichenhalle des Friedrichwerderschen Friedhofs. Durch das Fenster schaue ich nachdenklich auf die Grabsteine. Wo könnte es ruhiger und besinnlicher sein als an dem Ort wo wir unsere Toten begraben?

Ich bestelle einen Cappuccino und ein Stück selbst gebackenen Kuchen. Obwohl ich es reichlich bizarr finde Kaffee in einer Leichenhalle zu trinken, empfinde ich die Stimmung im Café Strauss nicht bedrückend. Eher bedächtig wirkt sie, fast schon erhaben, diese ungewöhnliche Atmosphäre. Sie regt mich zum Nachdenken an. Über Freunde, die längst gegangen sind. Über Fremde, dich ich nie getroffen habe, deren Namen ich jetzt aber durch die Inschriften auf den Grabsteinen kenne. Über Berlin und natürlich auch über mich selbst. Ruhe finden in Berlin geht also DOCH.