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Jäger des versteckten Schatzes

Ich mag Abenteuer. Und Technik. Die Kombination aus beidem nennt sich Geocaching und ist eine moderne Variante der Schnitzeljagd. Ich lade mir passende Koordinaten von einer Webseite auf das iPhone und begebe mich auf eine Schatzsuche, die mich in den Krämerforst nordwestlich von Berlin führt.

Das Grab bei der hohlen Eiche

Gegen Ende des Jahres 1806 durchquerten französische Truppen auf ihrem Weg nach Polen und Ostpreußen den Krämerforst. Dabei plünderten sie bei den Bauern und steckten ihre Häuser in Brand. Hin und wieder leisteten vereinzelte Bauern Widerstand, überfielen und töteten die marodierenden Soldaten. Zu ihnen gehörte ein Förster namens Reckin, der sich in einer hohlen Eiche an der alten Poststraße versteckte, die von Berlin nach Hamburg führt.

Dort lauerte er den Soldaten auf und erschoss sie, sobald sie die Eiche passierten. Entkam ein Franzose, konnte er nicht sagen, aus welcher Richtung die tödlichen Schüsse gekommen waren.

Das Blatt wendete sich, als der Förster einen ranghohen Offizier erschoss. Nachfolgende Soldaten entdeckten Pulverdampf, der aus einem Astloch der Eiche hochstieg. Sie umstellten den Baum und erschossen den Förster. Einwohner der umliegenden Dörfer fanden seine Leiche und begruben sie etwa 300 Meter vom Baum entfernt. Ein Findling mit der Aufschrift „Reckin“ markiert diese Stelle. Noch heute legen Anwohner, die am Grab des Försters vorbeikommen, einen Zweig nieder.

Die Jagd nach dem Schatz

Wieviel von dieser Geschichte wahr ist, weiß ich nicht. Ich erfahre nur, dass der Förster die Soldaten nicht nur erschossen, sondern auch ausgeraubt hat. Und dass er ihren Besitz, bestehend aus Goldnuggets, Banknoten und noch ein paar anderen Dingen in der Nähe seines eigenen Grabes versteckt hat. Das reicht mir, um wild entschlossen loszuziehen.

Die ersten Koordinaten, N 52° 41.418 E 13° 01.500, führen mich zu einem Parkplatz für Wanderer, auf dem ich mein Auto abstelle. Von hier aus muss ich zu Fuß weiter. Mitten durch den Wald geht es zur hohlen Eiche, die leider nicht mehr existiert. Baumaßnahmen für die Autobahn hatten sie beschädigt und krank werden lassen, ein Sturm erledigte den Rest.

Mein Smartphone führt mich zu einem Wegweiser, dieser führt zu Reckins Grab. Ich bin nicht abergläubisch. Die Spielregeln schreiben vor, dass ich dort einen kleinen Zweig ablegen soll, deshalb mache ich das.

Der Kompass in meiner Geocaching-App zeigt auf 327°, darunter steht „36 Meter“. Bin ich meinem Ziel tatsächlich so nahe? Erwarten mich schon in wenigen Minuten Reichtum, Ruhm und Ehre?

Ganz so leicht ist es nicht. Die genaue Lage des Schatzes, der tatsächlich enthielt, was versprochen wurde, möchte ich nicht verraten. Das würde anderen Geocachern das Erlebnis kaputt machen. Nur so viel sei gesagt: Der Schatz wurde nicht vergraben.

Laut alten Überlieferungen soll man den Inhalt des Schatzes gegen neue Dinge austauschen. Mit Ausnahme der Goldnuggets. Davon soll man sich einen in die Hosentasche stecken und ständig bei sich tragen, damit einem nie das Geld ausgehe.

Zurück in Berlin warte ich gespannt auf die letzten Tage des Monats. In dieser Zeit geht mir traditionell das Geld aus. Ob der Nugget helfen wird?

Ein Wort über Türsteher

Natürlich müssen sie seyn und selbstverständlich ist es ein cooles Gefühl von ihnen bevorzugt zu werden, doch in Berlin gehen mir die Türsteher manchmal ziemlich auf die Nerven. Da steht irgendein Klüngel vor dem Club und meint, nur weil man Fleisch auf den Rippen und Tattoos und einen bedrohlichen Blick aufweisen kann, reiche das für die Befugnis zur Ordnung! Regt mich auf so etwas und nicht selten sind diese Gestalten auch weder freundlich noch zuvorkommend. Werfen wir heute also mal einen Blick auf die Zunft der Türsteher und Türsteherinnen, liebe Grünen, denn leider findet diese Klientel in der Kulturszene bisher viel zu wenig Beachtung. Und das bei den Muskeln!

Testosteron und Ordnungssinn

Sicher gibt es heute immer mehr Türsteherinnen und diese Gestalten krakeelen ihre kommerziell verliehene Macht dann auch oft genug sehr deutlich heraus. Aber im Verhältnis bilden Frauen natürlich die Minderheit und so treffen wir regelmäßig vor allem große, starke Männer vor dem Club. Diese treten mit einem gewissen Sinn für Ordnung auf, ähneln also Einrichtungen wie dem Wachschutz oder auch der Polizei. Einziger Unterschied: Türsteher haben kein Gewaltmonopol, glauben aber fest daran es irgendwie doch zu besitzen. Strenggenommen hat niemand das Recht, jemanden vom Betreten einer Lokalität mit Gewalt davon abzuhalten! Hier darf eigentlich nur die Polizei tätig seyn und kann ein Platzverbot aussprechen, doch die Türsteher interessiert das nicht. Da wird im Zeichen angeblicher Notwehr geprügelt, gedroht und manchmal sogar zugestochen und in vielen Fällen handelt es sich bei solchen Aktionen gar nicht um Defensive.

Mag seyn, dass hier Testosteron im Spiel ist und dass die Herren sich nicht richtig kontrollieren können. Oft genug sind Türsteher auch einfach nur Dummköpfe, die gerade so schreiben und lesen können, doch gibt ihnen das irgendein Recht Gäste brutal anzufahren und zusammenzuschlagen? Und dann das Opfer zu geben? Viele dieser Personen drücken sich einfach Anabolika in die Venen, blasen sich auf und schnaufen dann vor dem Club hin und her, am Ende auf Drogen, und das verspricht mir dann einen halbwegs sicheren Barbesuch?

Berliner Originale?

Ich hab auch leider immer noch verstanden, warum es eigentlich so viel Bedrohlichkeit braucht. Wenn irgendwelche Rowdys stören wollen, dann machen die das sowieso und die kratzen sich auch nicht an einer Visage! Die Gäste freilich würde es freuen, auch mal ein (raues) Lächeln zu sehen. Aber wahrscheinlich ist das schlichtweg ein No – Go der Türsteherbranche!

Bleibt abschließend die Frage nach dem Berliner Original. Keine Sorge, ich meine damit jetzt nicht die berühmten Figuren wie den Eckensteher Nante, sondern eben jene Figuren am Einlass. Sind da wirkliche Lebenskünstler und inspirative Leute darunter? Zweifellos, die gibt es und es lohnt sich, gerade den Auftritt, die Kleidung, den Esprit der Türsteher näher zu betrachten. Man tue das bitte etwas unauffälliger, denn wie bereits beschrieben sind die Köpfe zwar meistens haarlos, aber eben auch im Innern leer und das auffälliges Beobachten führt bei diesen Menschentypen vielleicht zu Unverständnis, im besten Falle. Wer sich die Zeit nimmt und genau hinschaut, der sieht recht schnell, ob es sich bei den Betreffenden um zugelaufene Hobby – Guards handelt oder ob hier eine Berliner Figur agiert. Letztere wäre trotz allem Gebaren irgendwie sympathisch, schließlich gehört auch einiges dazu, sich über Jahre und Jahrzehnte im Berliner Nachtleben zu bewähren.

Ist Berlin immer noch geteilt?

Touristen, Zuwanderer und die meisten Einwohner sowieso halten Berlin für eine besonders spannende Stadt und verweisen dabei auch auf das historische Erbe. Während in der Vergangenheit kalte Politik einen kalten Krieg anzettelte und inmitten dieser Auseinandersetzungen eine ganze Stadt in Haft nahm, scheint es heute geradezu umgekehrt und die Bewohner und Besucher der Hauptstadt scheinen direkt aufeinander zu kriechen, wohl in der Hoffnung, die alte Teilung endgültig zu überwinden und sey es durch blasierte Empathiekundgebungen. Aber lassen wir die Polemik, schließlich war die Trennung in Ost- und Westberlin real und hat viele Lebensläufe beeinflusst oder sogar zerstört.

Saubere Trennlinien

Ich meine jedoch dieser Tage eine andere Teilung ausmachen zu können in unserer Stadt und die ist nicht unbedingt geographisch. Klar, es gibt mit Charlottenburg und Weissensee Stadtteile, die nach Geld und Wohlstand riechen, aber diese Einteilung gab es schon immer und manche Grundstücke kosten nun mal mehr als andere. Die Trennung Berlin verläuft meines Erachtens durch die Leute selbst und macht sich fest an Identitäten, Zugehörigkeiten, Transformationen. Eine einstmals geteilte Stadt hat heute keine Mauern und sichtbaren Grenzen mehr, doch zwischen den Menschen werden die Zäune immer höher.
Dafür braucht niemand politische Denkweisen zu bemühen. Eine Demokratie muss NPD genauso aushalten wie die Grünen oder Marxisten. Kann sie das nicht, ist sie nichts wert und nur auf dem Abstieg. Menschen trennen sich heute bewusst ab und setzen dafür Maßstäbe wie Herkunft, Religion, Bildung und natürlich Einkommen. Sicher braucht jeder eine Identität und in der Postmoderne ist die Suche nach derselben schwierig wie niemals zu vor. Doch beobachte ich jeden Tag, wie die Gräben tiefer werden und damit meine ich nicht mal die üblichen integrationsunwilligen Großfamilien aus Anatolien. Deren Beschränktheit ist von so manchem Bundesbürger nicht weit entfernt und in der Regel sind diese Leute zu einer Selbstfügung des eigenen Lebens gar nicht in der Lage, weshalb es grotesk wäre, denen eine selbstbestimmte Verweigerung zu unterstellen.

Unschärfen

Das Problem sind vielmehr die Gebildeten, Gutsituierten. Der Faktor Bildung wird bei ihnen zum Dünkel und ganz abgesehen davon, dass die superschlauen Aktivisten für alles und jeden aus Berlin Prenzlauer Berg eigentlich nur an sich denken, vermuten einige Leute hinter diesem Gebaren noch immer eine Art Interesse an Gemeinwohl. Eitelkeit ist es jedoch, die hier zum Tragen kommt und all die Besserwisser übernehmen in der Regel keinerlei Verantwortung für Stadt und Land, nur für sich selbst. Wer sich dieser Autokratie verweigert, hat in Berlin ein Problem. Bestes Beispiel: Die obsessive Sehnsucht nach Originalität. Überdurchschnittlich viele in der Hauptstadt wünschen sich nichts mehr als individuell und besonders zu seyn. Nun ist ja klar, dass ein Pool besonderer Menschen im Ganzen auch nur eine graue Masse darstellt, doch die Trennung der Stadt wird auf diese Weise ziemlich eindeutig festgezurrt. Fehler sind nicht erlaubt, Kritik schon gar nicht und wenn man doch mal was sagt heißt es: Das ist die neue Berliner Kreativität

Ich meine: Das ist Narzissmus auf der einen, bodenlose Angst vor der Bedeutungslosigkeit auf der anderen Seite. Wirklich kreative und originelle Leute geben nicht damit an, sie schaffen Werke, stellen aus, überzeugen, diskutieren und lassen sich inspirieren. Und auch wenn jeder meint, das wäre doch in Berlin der Fall, so kann ich das nicht feststellen. Ich sehe nur ein Klima der Rechtfertigung und Aufgeblasenheit, das auf brutale Konkurrenz im Wollmantel der Nächstenliebe setzt. Mal schauen, wo diese Überzeugungen Berlin hin führen werden. Ein neuer Mauerfall in den Köpfen jedenfalls scheint nicht bevorzustehen.