Es grünt so grün. Wo? – in Berlin

„Wieder echt super gewesen, das Parkfest“, meint eine junge Frau, bestimmt Studentin, mit knallroten Haaren, zerfetzter Jeans und haufenweise Piercings im Gesicht. „Wir hatten wie immer Riesenspaß und kommen beim nächsten Mal wieder“, kommentiert ein Pärchen das Ereignis im Park am Gleisdreieck. Nur eine ältere Dame mokiert sich: „Wenn dieser Herr Wosch endlich mal auf seinen Fäkaljournalismus verzichten würde, könnte man Radio 1 glatt anhören ohne dabei vor Scham rot zu werden.“

Geplant als Aktivareal und Ruheoase in der Stadt wurde vor einigen Jahren die brachliegende Fläche zwischen Yorkstraße und Möckernbrücke in eine neue „grüne Lunge“ verwandelt, von denen eine Stadt nie genug haben kann. Schmutzige, abbruchreife Industriegebäude wichen einem Volkspark, der nach dem Willen der Stadtplaner jedem etwas bieten soll. Technikverliebte Hipster, Skater und andere Jugendkulturen sollen sich dort ebenso wohlfühlen wie Kleingartenbetreiber, Taubenfütterer und was uns sonst noch zum Thema Falten, Krückstock und Rollator einfällt. Die Touristen haben den Park am Gleisdreieck auch schon entdeckt, wahrscheinlich stand irgendwann mal etwas darüber im Lonely Planet.

Musste nur hinkieken

Ich war zum ersten Mal da, obwohl es das Parkfest von Radio 1 schon seit fünf Jahren gibt. Hab im Internet gelesen, dass es kostenlos ist und mich spontan entschlossen vorbei zu schauen. So lange die Sonne schien, beschränkte sich das Angebot auf Fahren mit einer Draisine, Entspannungsübungen für Yoga-Fanatiker, ein comicartiges Musical und einen Musikladen für Kinder.

Dann kamen Pu und Khalid Bounouar von der RebellComedy und witzelten über den Albtraum ein reinrassiger Deutscher zu sein. Faber, ein Schweizer Musiker, der aussieht wie Cure-Sänger Robert Smith ohne Drogenrausch, übernahm die undankbare Rolle des Anheizers. Die Coverband Steve’n’Seagulls bekam den Mittelteil. „Say Yes Dog“, endlich mal eine Band aus Berlin (an diesem Abend), musste gegen Ende die feierwütige Menge mit ihrem Elektropop vertreiben, was ihr nicht wirklich gelang.

Die meisten Leute auf dem Festival waren grün gestrickt. Buttons auf ihren Jacken outeten sie als Walfang-Gegner, Umweltschützer und Friedensbefürworter. Sie diskutierten über ein Wohnungsbauprojekt in der Bautzener Brache, dass sie unsinnig fanden, fragten sich wann die Yorkbrücken endlich saniert werden und lästerten über einen sehr schwer erreichbaren Radweg an der Monumentenbrücke. Man merkte, dass ihnen die Stadt und auch der Park am Gleisdreieck am Herzen liegt. Sie wollen etwas tun, ihre Stadt zu einem besseren Ort machen. Und sie haben schon in der Kreidezeit aufgehört den Versprechen und Beteuerungen der Politik zu glauben.

Schaut man sich den Park am Gleisdreieck von oben an, was mit Google Maps ganz einfach geht, sieht man, dass die Grünanlage zweigeteilt ist. Es gibt einen Ost- und einen Westpark. So wie es mal ein Ost- und Westberlin gab. Die Bahnlinie als Mauerersatz trennt die eher ruhigen Kleingärtner von den Skatern und Festivalbesuchern. Eine Art grünes Mini-Berlin ist dieser Park. Getrennt und doch irgendwie zusammengewachsen. Laut und schrill, gleichzeitig ruhig und mondän. Offen für alles, multikulti und natürlich grün. Der geteilte Park am Gleisdreieck und auch die Besucher des Festivals wirken auf mich wie eine Metapher auf die Stadt. Musste nur hinkieken.