Ist Berlin immer noch geteilt?

Touristen, Zuwanderer und die meisten Einwohner sowieso halten Berlin für eine besonders spannende Stadt und verweisen dabei auch auf das historische Erbe. Während in der Vergangenheit kalte Politik einen kalten Krieg anzettelte und inmitten dieser Auseinandersetzungen eine ganze Stadt in Haft nahm, scheint es heute geradezu umgekehrt und die Bewohner und Besucher der Hauptstadt scheinen direkt aufeinander zu kriechen, wohl in der Hoffnung, die alte Teilung endgültig zu überwinden und sey es durch blasierte Empathiekundgebungen. Aber lassen wir die Polemik, schließlich war die Trennung in Ost- und Westberlin real und hat viele Lebensläufe beeinflusst oder sogar zerstört.

Saubere Trennlinien

Ich meine jedoch dieser Tage eine andere Teilung ausmachen zu können in unserer Stadt und die ist nicht unbedingt geographisch. Klar, es gibt mit Charlottenburg und Weissensee Stadtteile, die nach Geld und Wohlstand riechen, aber diese Einteilung gab es schon immer und manche Grundstücke kosten nun mal mehr als andere. Die Trennung Berlin verläuft meines Erachtens durch die Leute selbst und macht sich fest an Identitäten, Zugehörigkeiten, Transformationen. Eine einstmals geteilte Stadt hat heute keine Mauern und sichtbaren Grenzen mehr, doch zwischen den Menschen werden die Zäune immer höher.
Dafür braucht niemand politische Denkweisen zu bemühen. Eine Demokratie muss NPD genauso aushalten wie die Grünen oder Marxisten. Kann sie das nicht, ist sie nichts wert und nur auf dem Abstieg. Menschen trennen sich heute bewusst ab und setzen dafür Maßstäbe wie Herkunft, Religion, Bildung und natürlich Einkommen. Sicher braucht jeder eine Identität und in der Postmoderne ist die Suche nach derselben schwierig wie niemals zu vor. Doch beobachte ich jeden Tag, wie die Gräben tiefer werden und damit meine ich nicht mal die üblichen integrationsunwilligen Großfamilien aus Anatolien. Deren Beschränktheit ist von so manchem Bundesbürger nicht weit entfernt und in der Regel sind diese Leute zu einer Selbstfügung des eigenen Lebens gar nicht in der Lage, weshalb es grotesk wäre, denen eine selbstbestimmte Verweigerung zu unterstellen.

Unschärfen

Das Problem sind vielmehr die Gebildeten, Gutsituierten. Der Faktor Bildung wird bei ihnen zum Dünkel und ganz abgesehen davon, dass die superschlauen Aktivisten für alles und jeden aus Berlin Prenzlauer Berg eigentlich nur an sich denken, vermuten einige Leute hinter diesem Gebaren noch immer eine Art Interesse an Gemeinwohl. Eitelkeit ist es jedoch, die hier zum Tragen kommt und all die Besserwisser übernehmen in der Regel keinerlei Verantwortung für Stadt und Land, nur für sich selbst. Wer sich dieser Autokratie verweigert, hat in Berlin ein Problem. Bestes Beispiel: Die obsessive Sehnsucht nach Originalität. Überdurchschnittlich viele in der Hauptstadt wünschen sich nichts mehr als individuell und besonders zu seyn. Nun ist ja klar, dass ein Pool besonderer Menschen im Ganzen auch nur eine graue Masse darstellt, doch die Trennung der Stadt wird auf diese Weise ziemlich eindeutig festgezurrt. Fehler sind nicht erlaubt, Kritik schon gar nicht und wenn man doch mal was sagt heißt es: Das ist die neue Berliner Kreativität

Ich meine: Das ist Narzissmus auf der einen, bodenlose Angst vor der Bedeutungslosigkeit auf der anderen Seite. Wirklich kreative und originelle Leute geben nicht damit an, sie schaffen Werke, stellen aus, überzeugen, diskutieren und lassen sich inspirieren. Und auch wenn jeder meint, das wäre doch in Berlin der Fall, so kann ich das nicht feststellen. Ich sehe nur ein Klima der Rechtfertigung und Aufgeblasenheit, das auf brutale Konkurrenz im Wollmantel der Nächstenliebe setzt. Mal schauen, wo diese Überzeugungen Berlin hin führen werden. Ein neuer Mauerfall in den Köpfen jedenfalls scheint nicht bevorzustehen.